Gefängnisse in Portugal
Die Gefängnisse Portugals befinden sich in einem langsamen Wandel. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden bestehende Gebäude in Gefängnisse umgewandelt. Mit der Gefängnisreform von 1867 wurden Einrichtungen neu gebaut. Einige der älteren Gefängnisse werden heute als Kulturzentren genutzt.
Die heutige zentrale Gefängnisverwaltung, die Direcção Geral dos Serviçios prisionais DGRSP, teilt ihre 49 Einrichtungen des Freiheitsentzugs (estabelecimentos prisionais, EP) in zwei Gruppen ein, 21 Einrichtungen mit "hoher Komplexität" (mit zusammen 10‘040 Haftplätzen) und 27 mit "mittlerer Komplexität" (mit 2560 Haftplätzen). Es wird kein Unterschied gemacht zwischen Einrichtungen für die Durchführung von Untersuchungshaft oder für den Vollzug von Strafen.
Seit 1985 übersteigt die Anzahl der Insassen diejenige der vorhandenen Plätze: die Belegungsrate lag Ende 2016 bei 109%*, in gewissen Gefängnissen bei 170%.
Im europäischen Vergleich hat Portugal eine hohe Gefangenenrate**, was sich mit einer überdurchschnittlich hohen Anzahl langer Freiheitsstrafen erklären lässt. Das Strafgesetzbuch wird gegenwärtig revidiert, wobei der Schwerpunkt auf der Einführung elektronischer Überwachungsmassnahmen liegt. Das Ziel ist es, die Zahl der Einweisungen zu reduzieren.
Für die Gefangenen im Vollzug besteht keine Arbeitspflicht; die Arbeitsmöglichkeiten sind beschränkt. Der Alltag ist monoton. Das Betreuungspersonal (guarda prisional) ist gewerkschaftlich gut organisiert.
Tabelle: Belegungs- und Gefangenenrate einiger ausgewählter Staaten
| Staat | Belegungsrate* | Gefangenenrate** |
| Portugal | 110% | 138 |
| Spanien | 81% | 136 |
| Frankreich | 117% | 95 |
| Schweiz | 94% | 83 |
| Deutschland | 85% | 78 |
| England & Wales | 112% | 148 |
| USA | 104% | 666 |
*Belegungsrate, basierend auf den offiziellen Kapazitätsangaben.
**Die Gefangenenrate stellt das Verhältnis der Anzahl der Gefangenen zu 100‘000 Personen der Wohnbevölkerung dar.
Quelle: Prison Population List (11. Ausgabe, 2016), Institute for Criminal Policy Research (ICPR). www.prisonstudies.org
Ein typisches portugiesisches Gefängnis
Eine Standardeinrichtung der Gruppe der Gefängnisse mit "hoher Komplexität" besteht aus mehreren Abteilungen mit Einzel- und Mehrbettzellen, jeweils einem Aufenthaltsraum mit Cafeteria und einem Aufseherbüro. Die Gefangenen essen unter Aufsicht in Speisesälen im Kantinen-System. Die täglichen 2-stündigen Hofgänge werden auf gesichertem Terrain durchgeführt.
Die Anlagen enthalten jeweils drei bis vier Unterrichtsräume, davon einer mit PC’s, eine Bibliothek und einem einfach eingerichteten kleinen Fitnessraum, einen Gefangenenladen sowie einen Andachtsraum, der auch für andere Zwecke verwendet wird.
Die seltenen Arbeitsplätze werden in Anbauten zu den Zellengebäuden untergebracht oder, in älteren Gefängnissen, in separaten Gebäuden.
Die medizinische Infrastruktur besteht aus einer eigentlichen Abteilung mit Wartezone, mehreren Sprech- und Untersuchungszimmern, Apotheke und ein Bettensaal sowie ein Isolationszimmer. Für Disziplinarstrafen ist eine Abteilung mit speziellen Zellen und eigenen Spazierhöfen eingerichtet.
In einigen der besuchten Gefängnisse bestand eine weitere, kleinere, vollständig getrennte und weniger gesicherte Abteilung mit einem "offeneren Regime" (Regime Aberto no Interior, RAI), v. a. für Gefangene vor ihrer Entlassung.
Die normalen Besuche (zwei Mal pro Woche eine Stunde) finden in einem oder mehreren grossen Räumen unter Überwachung statt. Intimbesuche – in internationalem Vergleich sehr vorbildlich gehandhabt – finden in Zimmern mit Doppelbetten, Küchenecke, WC und Dusche statt.
Die Sicherung gegen Aussen erfolgt hauptsächlich mit bewaffnetem Personal in den ständig besetzten Wachtürmen. Das Aufsichtspersonal arbeitet in Schichten von 24 Stunden mit 2 Tagen Unterbruch. Es verfügt über eigene Aufenthalts-, Speise- und Schlafräume.
EP da Guarda. Photo: Luis Barbosa
Estabelecimento Prisional da Guarda
200 km südöstlich von Porto | 182 Plätze | 184 Insassen | Inbetriebnahme als Gefängnis 1971
Zuerst als Spitalgefängnis genutzt, wird das Gebäude 1971 vollumfänglich zu einer Einrichtung des Freiheitsentzugs. Während die EP Santa Cruz do Bispo das einzige ausschliesslich für Frauen ausgestaltete Gefängnis ist, ist die EP Guarda eine von 5 Einrichtungen im Lande mit einer "Secção Feminina". Bestehend aus zwei U-förmig aneinander gebauten, ungleich langen Gebäuden, wird sie von einer fünfeckigen Mauer umgeben. Die Flügel sind zwei und drei Stockwerke hoch.
"An einem sehr kalten Tag wurde die Aktion des fotografischen Dokumentierens dieses Gefängnisses emotional durch die Art der Räumlichkeiten, die stereotypen, und doch einzigartigen und persönlichen, Alltagsroutinen der Insassen noch verstärkt."
EP de Leiria, 2016. Photo: Luis Barbosa
EP de Leiria (Jugendliche)
In der Mitte zwischen Porto und Lissabon | 347 Plätze | 183 Insassen | Inbetriebnahme 1956
In einem weiten Feld von 90ha gelegen ist dies die einzige Einrichtung für Minderjährige und junge Erwachsene in Portugal. Die Insassen kommen meist aus den Vororten der grösseren urbanen Zentren. Die Gebäude stammen teilweise aus einem früheren Landwirtschaftsbetrieb; in den 1940er Jahren wurden sieben Gefängnispavillons gebaut.
"Hier habe ich meine ersten Fotoaufnahmen in einem Gefängnis gemacht. Ich war ich recht nervös. Die Tatsache, dass die Insassen zudem noch junge Männer waren, verstärkte dies den emotionalen Charakter dieses ersten Besuches zusätzlich. Ich entschied mich, die Interaktionen zwischen den Jugendlichen festzuhalten und die Kommunikation in der Schulzeit und in den anderen Aktivitäten zu beobachten."
EP de Viseu, 2016. Photo: Luis Barbosa
Estabelecimento Prisional de Viseu
130 km südöstlich von Porto | 37 Haftplätze | 85 Insassen | Inbetriebnahme 1975
Das Gefängnis hat einen U-förmigen Grundriss. Im Gegensatz zu den anderen Institutionen hat es keinen Umschwung, wenn man vom Fussballfeld absieht. Die beiden Flügel sind an deren Ende mit einer Mauer verbunden, in die das Eingangstor eingebaut ist. Der Zwischenraum zwischen den Flügeln wird für administrative Zwecke genutzt.
"Die Kleinheit dieser Struktur und die dicht belegten Zellen wurden zum Hauptthema meiner Dokumentation. Es war in dieser Einrichtung, dass ich mich den Insassen und deren Raum am nächsten fühlte."
EP de Lisboa, 2017. Photo: Peter Schulthess
Estabelecimento Prisional de Lisboa
Lissabon (Zentrum) | 887 Plätze | 1320 Insassen | 8 Einheiten | Inbetriebnahme 1880
Der beeindruckende, heute unter Denkmalschutz stehende Bau liegt am Rand der Innenstadt, auf einem der sieben Hügel Lissabons. Als architektonisches Vorbild diente das Gefängnis von Leuven in Brüssel, Belgien, von 1860. Das Zellengebäude besteht aus sechs Flügeln in der typischen Radialarchitektur der damaligen Zeit, mit nahezu 600 Zellen auf drei Stockwerken und einigen weiteren in den Kellergeschossen. Ein Flügel ist inzwischen renoviert; in den anderen wurden jeweils je zwei Einzelzellen zu einer Gemeinschaftszelle für vier Personen zusammengelegt, um die Kapazität zu erhöhen.
Eine weitere Einheit mit 38 Plätzen dient der therapeutischen Behandlung in einem strengeren Regime, allerdings mit komfortableren Lebensbedingungen. Diese Einheit G liegt in einem separaten historischen Gebäude, vermutlich dem ehemaligen Gefängnisspital.
Die medizinische Abteilung befindet sich heute in einem Neubau. Zwischen zwei Flügeln, in einem Containerprovisorium eingerichtet, befindet sich die Einheit H mit 104 nicht sehr komfortablen Plätzen für die Gefangenen im sog. leichteren Regime (RAI).
"Für die Gefangenen bedeutet diese Anstalt ein hartes Pflaster. Für mich als Fotograf ist sie in ihrer Dimension und mit ihrer Fülle an originalen Bausubstanz ein seltenes Juwel. Die zwei Tage in dieser überfülltesten Anstalt in Portugal war viel zu kurz"
EP de Carregueira, 2016. Photo: Peter Schulthess
Estabelecimento Prisional da Carregueira
17 km im Nordwesten von Lissabon | 732 Plätze | 707 Insassen | 3 Einheiten | Inbetriebnahme 2003/2004
Die Einrichtung liegt in einer grünen Gegend entlang der N117, umgeben von einem militärischen Trainingsgebiet. Mit Ausnahme der beiden Zellenblöcke können die Gebäude und das grosszügige Areal mit seinen Landreserven als Muster für weitere Anstalten betrachtet werden, speziell das gut organisierte Besucherzentrum. Die Zellenblöcke enthalten total 72 Einzelzellen und 122 Gemeinschaftszellen mit vier, seit 2011 fünf Betten. Die Innenarchitektur dieser Gebäude ist unübersichtlich und benötigt für die Aufsicht der Gefangenen viel Personal.
Die Einheit mit dem leichteren Regime (RAI) hat 38 Plätze mit einer vergleichsweise sehr komfortablen, nahezu familiären Atmosphäre.
"Carregueira ist ein modernes Mustergefängnis in vielen Belangen und man wünscht sich mehr davon. Es war mein zweiter Besuch in einer portugiesischen Anstalt und ich war überrascht, wie wenig Gefangene arbeiten und wie viele den ganzen Tag nutzlos in der Zelle hängen."
EP de Santa Cruz do Bispo (feminino), 2016. Photo: Peter Schulthess
Estabelecimento Prisional de Santa Cruz do Bispo (feminino)
In nächster Nähe des Flughafens von Porto | 352 Plätze nur für Frauen | 343 Insassinnen | 5 Einheiten | Inbetriebnahme 2004
In der Anflugschneise des Flughafens von Porto liegt das moderne Estabelecimento Prisional, in unmittelbarer Nähe des Männergefängnisses mit gleichem Namen sowie weiteren Spezialeinrichtungen der DGRSP.
In den vier parallel gelegenen Zellenflügeln befinden sich die Abteilungen Mutter und Kind, Untersuchungshaft und Strafvollzug. Jeder Flügel hat seinen eigenen Spazierhof und Speisesaal. Die Einzelzellen sind schmal, speziell wenn noch ein Kinderbett vorhanden ist. In den nicht wenigen Gemeinschaftszellen befinden sich 6 Betten. Vorbildlich ist die Infrastruktur für die Betreuung der Kinder der Gefangenen bis zum Alter von 5 Jahren; ebenfalls die grosse, gut eingerichtete und gut frequentierte Turnhalle. Der Sicherheitsgrad ist vergleichbar mit anderen Einrichtungen der Kategorie "hohe Komplexität".
"Eine überzeugende, moderne Architektur mit klaren Strukturen, grosszügigen Innen- aber nur minimalen Aussenräumen."
EP Izeda, 2017. Photo: Peter Schulthess
Estabelecimento Prisional de Izeda
Izeda (Região Trás os Montes) | 301 Plätze | 253 Insassen | Inbetriebnahme als Vollzugseinrichtung 1995
Izeda liegt in einer kargen Region auf 600 m ü. M. nahe der Grenze zu Spanien. Die Region (auf Deutsch «hinter den Bergen») ist bekannt für die extrem heissen Sommer und die bitterkalten Winter. Die weltweit tätige Organisation der Salesianer Don Boscos, eine 1859 gegründete Ordensgemeinschaft der römisch-katholischen Kirche, baute 1960 am Rande der Ortschaft ein imposantes Internat mit Berufsschule, das sie bis 1977 betrieben. 1996 wurde das Gebäude und Gelände zu einer Strafvollzugseinrichtung umgerüstet. Die grossen Schulzimmer dienen nun als Zellen mit bis zu 16 Betten, ein riesiger Saal mit Bühne ermöglicht Theater- und Musikproduktionen und die prächtige Kirche gibt Nahrung für die Seele. Dank einer früheren Erbschaft verfügt die Anstalt über Olivenhaine und eine Olivenpresse im Dorf.
"Ein prächtiges Gebäude mit eindrücklicher Architektur, umgewandelt in eine eigenartige Strafvollzugseinrichtung. An einem kalten Tag wurden wir hier sehr warmherzig empfangen."